Kanumagazin 2/2015 - Szene

Historiker, Germanist, Autor und Filmemacher – aber kein Paddler. Dennoch hat Daniel Weißbrodt mehr Fahrtenkilometer auf dem Tacho als manch' gestandene Wasserratte. Im Interview verrät der Leipziger, wie man einen Paddelfilm per Crowdfunding finanziert, warum die Donau für ihn der exotischste Fluss der Welt ist und wie sein selbstgebautes Kajak den Namen »Schneewittchenkuchen« bekam.

 

Daniel, du hast in den letzten Jahren zweimal die Donau komplett befahren. Warum sagst du trotzdem von dir, dass du kein »richtiger« Paddler bist?

Nun, es ist so, dass ich mit meinen spärlichen Paddelerfahrungen noch immer ganz Anfänger bin. Ein fröhlicher Dilettant, der ganz und gar keinen sportlichen Ehrgeiz entwickelt. Der sich lieber mal treiben lässt, statt sich anzustrengen, und der sich zurücklehnt und ein Zigarettchen paffend in die Landschaft guckt und sich an ihr erfreut. All das hat nur wenig mit einem »richtigen« Paddler zu tun, so wie ich ihn mir vorstelle.

 

Deine Jungfernfahrt: drei Wochen auf Donau im Sommer 2008. Warum dieser Sprung ins kalte Wasser?

Schuld war vor allem die Tatsache, dass die Donau nach Südosten fließt. In diesem Teil Europas bin ich schon oft gewesen, und ich bin immer wieder gerne dort. Zudem ist die Donau – kein Fluss auf der Welt hat auch nur annähernd so viele Anrainerstaaten – für mich der exotischste Fluss der Welt. Alle paar hundert Kilometer eine neue Grenze, ein neues Land, eine neue Sprache, das finde ich ungeheuer faszinierend.

 

Was war die erste große Herausforderung?

Schon nach hundert Metern Fahrt die Steinerne Brücke in Regensburg. Im DKV-Führer hatte ich zwar gelesen, dass man das zweite Joch von rechts nehmen sollte, das habe ich auch getan, aber danach geriet ich in einen Strudel. Ich dachte, ich saufe mit meinem voll beladenen Faltboot gleich hier ab. Zum Glück ist es noch mal gut gegangen, aber ich hatte zitternde Knie und mächtig Respekt, um nicht zu sagen, eine verdammte Angst vor diesem großen Fluss.

 

Das schönste Erlebnis auf diesem ersten Abschnitt?

Am Morgen aus dem Zelt kommen, das Gras unter den nackten Füßen spüren, direkt am Ufer seinen Kaffee trinken und zu wissen: ich werde die nächsten Tage oder gar Wochen weiterfahren mit dem Fluss. Das Leben mit der Sonne, aufwachen, wenn sie aufgeht, und schlafen gehen, wenn es dunkel wird, einfach immer draußen zu sein, keine Wände, das ist sehr schön. Und am Abend, nach einer langen Tagesetappe, am Fluss zu sitzen, über das fließende, strömende Wasser zu blicken und spüren, dass man ein Teil von dieser Landschaft ist, das sind unvergessliche Momente.

 

Du bist dann 2010 und 2011 an die Donau zurückgekehrt, um das Schwarze Meer zu erreichen. Was war dein spannendstes Abenteuer auf dieser Strecke?

Da gäbe es vieles, was zu erzählen wäre, aber es sind wohl vor allem die vielen kleinen Begegnungen und Gespräche und die manchmal sehr bewegenden und berührenden Geschichten, die ich gehört habe von ganz normalen Menschen an den Ufern des Flusses, das ist es, was wohl längsten und nachdrücklichsten in Erinnerung bleibt.

 

Wochenlang allein auf dem breiten Strom. Wird das nicht langweilig?

Ich kann gut alleine sein, und ich bin mir oft selbst genug. Ich hoffe, dass es noch nichts Eigenbrötlerisches an sich hat, aber ich kann auch ein paar Tage lang allein unterwegs sein und keinem Menschen begegnen, ohne dass es mir langweilig wird. Um so schöner und intensiver sind dann ja auch wieder die nächsten Begegnungen und Gespräche.

 

Wieder daheim hast du alle Eindrücke in ein Buch gesteckt. Entstand die Idee unterwegs?

Bei der ersten Etappe wollte ich einfach nur mal schauen, wie weit ich denn so kommen werde in drei Wochen. Ich habe es dann bis Budapest geschafft, aber an ein Buch habe ich da noch nicht gedacht. Ich habe zwar ein Tagebuch geführt, aber noch nicht mit dem Ziel, etwas zu veröffentlichen. Diese Idee entstand dann mit den Vorbereitungen zur zweiten Etappe. Denn es gab zwar eine Handvoll Bücher über Donaubefahrungen, aber noch keines, das eine Fahrt durch alle zehn Länder beschreibt. Da dachte ich mir dann, dass es wirklich etwas Neues ist, was ich beschreiben kann, und dass es also damit tatsächlich einen Sinn hat, dieses Buch zu veröffentlichen.

 

Obwohl du nach drei Sommern das Schwarze Meer erreicht hattest, hat dich die Donau nicht wieder losgelassen...

Nein, das hat sie nicht, ganz im Gegenteil, aber ich denke, das kann jeder nachvollziehen, der sich schon einmal auf diesen Fluss eingelassen hat.

 

Also zurück auf Anfang, dieses Mal aber nicht alleine, sondern mit der Tour International Danubien. Wie bist du auf diese Idee gekommen?

Schon nach der ersten Tour hatte ich angefangen, Literatur über die Donau zusammenzusammeln, ich habe mich ein bisschen eingelesen, das Interesse war geweckt, und dann stößt man über kurz oder lang auch auf die TID. Auch wenn sie erstaunlicherweise außerhalb von Paddlerkreisen weitgehend unbekannt ist. Und das, obwohl sie die längste Wasserwanderfahrt der Welt ist und in diesem Sommer bereits zum 60. Mal stattfindet.

 

Wie bekam dein selbstgebautes Kajak, mit dem du die TID gepaddelt bist, den ungewöhnlichen Namen »Schneewittchenkuchen«?

Als das Boot fertig war, habe ich meine Freunde zur Probefahrt eingeladen Wir tranken Bier und hatten einen schönen Abend. Irgendwann kam jemand auf die Idee, dass so ein Boot ja auch einen Namen braucht. Der Gedanke gefiel mir, und leichtsinnigerweise habe ich gesagt: »OK, stimmen wir ab!« Jemand sagte: »Donauwelle«, und ein anderer: »Das ist doch nur ein anderes Wort für Schneewittchenkuchen!« Den Namen fand dann die Mehrheit – sie hatten alle schon ein paar Bier intus – so lustig, dass er bei der Abstimmung gewann. Ich hatte es versprochen, also blieb es dabei und das Boot heißt nun »Schneewittchenkuchen«, auch wenn ich den Namen eigentlich gar nicht wirklich mag...

 

Dieses Mal hattest du eine Filmkamera dabei. Vom Schriftsteller zum Filmemacher, warum dieser Wandel?

Es war ein Versuch, entstanden aus einer Schnapsidee. Ein Versuch, der geklappt hat. Die technischen Möglichkeiten sind heute so, dass ich es wagen konnte, dieses Experiment anzugehen. Vor zehn oder fünfzehn Jahren noch wäre eine solche Idee nicht umsetzbar gewesen. Und wann hat man schon einmal die Möglichkeit, etwas zu machen, das es so noch nicht gegeben hat? Ein Film über die TID, das war ein solches Novum.

 

Als Novum in der Kajakfilmbranche hast du für die Finanzierung ein »Crowdfunding« eingesetzt. Per Internet viele haben viele Leute Kleinbeträge für die Produktion des Filmes gegeben. Warum diese Vorgehensweise?

Als sich abzeichnete, dass das Material sowohl von der Menge – ich hatte 42 Stunden Aufnahmen mit nach Hause gebracht – als auch von der Qualität ausreichend ist, einen Film daraus zu machen, und als der Rohschnitt schon ganz gut aussah, habe ich das Crowdfunding gestartet. Ich finde, dass das eine gute Möglichkeit ist, ein Projekt zu finanzieren. Wenn viele Menschen sagen: »Ja, ich bezahle heute beispielsweise eine DVD oder eine Premierenkarte, erhalte sie in einem halben Jahr, und mit meiner Vorfinanzierung entsteht ein Film, den es ansonsten nicht geben würde«, dann ist das eine tolle Sache.

 

Bis kurz vor Ablauf des der zeitlichen Frist war ja nicht klar, ob das Geld letztendlich zusammenkommt. Wie hast du diese Tage erlebt?

Schlaflos. Der Rechner lief 24 Stunden, die Grenzen zwischen Tag und Nacht waren praktisch aufgehoben, ich habe selten mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, bin immer wieder zum Laptop und habe nach dem aktuellen Stand gesehen. Ich lag wach und habe mich gefragt, was ich tun kann, um das Crowdfunding zu einem Erfolg zu führen. Als es dann geklappt hat, war ich begeistert und brauchte erst einmal eine Weile, um zu begreifen, dass es tatsächlich geschafft ist. Danach habe ich mich erst mal richtig ausgeschlafen.

 

Du hast deinen Film aufwendig in zehn Sprachen untertitelt. Warum das?

Es war mir sehr wichtig, den verbindenden Aspekt, der ja für die TID ein ganz wichtiger und zentraler Punkt ist, auch im Film aufzugreifen. Aus diesem Grund ist er in allen Sprachen der Donauanrainerländer sowie auf Englisch und – vielleicht sogar als der erste, zumindest aber als einer von ganz wenigen deutschen Filme – auf Romanes, der Sprache der Roma, untertitelt.

 

Nach zwei Komplettbefahrungen der Donau und vier Sommern im Boot: wann kommt die Verwandlung zum waschechten Paddler?

Vielleicht im Juni Da bin ich mit Freunden für eine Tour auf der Werra verabredet. Denn Paddeln, das macht zu viel Spaß, als dass ich jetzt damit einfach aufhören könnte. Und vielleicht packt mich ja eines Tages doch noch der sportliche Ehrgeiz.

 

Interview: Falk Bruder, Foto: Jim Watson

 

Kanumagazin 2/2015

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